Dein bestes Ich

Um uns selbst zu finden, um herauszudestillieren, was uns wirklich wichtig ist und wie wir durchs Leben gehen wollen, müssen wir uns zurückziehen und die Reize von außen auf ein Minimum reduzieren. Nicht dauerhaft, aber eine Zeit lang. Dem Alleinsein haftet heute, wo es fast schon selbstverständlich ist, über digitale Kanäle ständig mit anderen Menschen verbunden zu sein, ein Verliererruf an. Wer alleine ist, hat offenbar keine Freunde, zumindest scheint niemand mit ihm zusammen sein zu wollen. Dabei gelangen Menschen in der Einsamkeit oft zu großer Einsicht und Erkenntnis. „Ich möchte jetzt bitte alleine sein.” „Ich ziehe mich da mal für eine Weile raus.” „Ich brauche ein bisschen Zeit für mich.” Alles Aussagen, die zeigen: Das Alleine sein hat seine ganz besonderen Qualitäten. Es gibt durchaus Situationen, in denen Menschen das Alleinsein als Chance sehen und Alleinsein genießen.

Oh Mann, was bin ich gerne allein!

Ich liebe das Familienleben, ich liebe den Austausch mit anderen, das gemeinsame Anpacken. Aber auch das Alleinsein. Vor allem in der Natur. Weil die Natur unser ursprünglicher Lebensraum ist – und wir haben nicht nur eine spezielle Verbindung zu ihr, der Mensch ist ja Natur.

Wenn da nur noch die wenigen natürlichen Reize um dich herum sind, dann schärft das die Sinne. Du nimmst viel genauer wahr. Deine unmittelbare Umgebung und auch dich selbst. Deshalb sind Abenteurer oft so reflektierte Persönlichkeiten. Weil sie oft allein in der Natur unterwegs sind.

Wissenschaftler setzen den Effekt des Alleinseins sogar bei Stresspatienten ein

In der Restricted Environmental Stimulation Therapy werden die Reize von außen gezielt reduziert, die Selbstwahrnehmung und die Achtsamkeit gegenüber den eigenen körperlichen Bedürfnissen verbessert sich. Dabei können allerdings auch Erinnerungen oder Themen hochkommen, die unangenehm sind. Doch die Auseinandersetzung mit ihnen ist es ja, die am Ende zu einem echten Erkenntnisgewinn führt.

Menschen leiden oft unter einer Angst vor dem Alleinsein, bedingt durch „kognitive Verzerrung“

Sie haben eine bestimmte Sicht auf die Dinge und suchen unbewusst ständig nach Informationen, Studien, Meinungen, Ereignissen, die diese Sicht bestätigen. Und gleichzeitigt befüttern sie ihre angst vorm Alleinsein. Doch diese vermeintlichen Bestätiger auszublenden, kann dabei helfen, klarer zu sehen und die eigene Sicht neu zu bewerten, um die angst vor Einsamkeit zu überwinden.

„Wer die Ruhe nicht in sich selbst findet, wird sie auch anderswo vergeblich suchen“

— Francois de la Rochefoucauld

schrieb der französische Autor Francois de la Rochefoucauld. Genau das ist der Punkt: Wird der Lärm um uns herum leise, müssen wir hinhören, was unsere innere Stimme fragt – und Antworten geben.

Damit das Alleinsein richtig wertvoll wird, müssen allerdings auch einige Voraussetzungen erfüllt sein

Kenneth Rubin, Psychologie-Professor an der amerikanischen Carleton University, nennt folgende:

  1. Wir müssen uns aus freien Stücken dafür entscheiden.
  2. Wir müssen in der Lage sein, jederzeit wieder soziale Beziehungen einzugehen.
  3. Wir müssen über ein gewisses Maß an Kontrolle und Reflektionsfähigkeit verfügen, um mit auftretenden Emotionen umgehen zu können.

Sind diese Voraussetzungen nicht gegeben, dann fühlt sich das Alleinsein für uns nicht gewinnbringend, sondern unausweichlich an. Wir fühlen uns in der Einsamkeit verloren. Übrigens: Studien haben gezeigt, dass das Alleinsein für uns unangenehmer ist, je mehr wir glauben, dass andere unser Alleinsein negativ bewerten. Sprich: Im Kino oder auf einer Party fühlen wir uns allein viel einsamer als in der Natur. Immer wieder die Natur. Es ist kein Zufall, dass sie uns ein so gutes Gefühl gibt.


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