Dein bestes Ich

Anton Krupicka, was lerne ich, wenn ich 100 Meilen am Stück laufe?
Du lernst sehr viel über deinen Charakter. Zum Beispiel, ob du bereit bist, alles zu geben, um ein Ziel zu erreichen. Aber obwohl du bei einem 100-Meilen-Lauf ein klar definiertes Ziel hast, ist das am Ende nicht entscheidend. Es geht um das Erlebnis, um die Erfahrung, die du in dieser Extremleistung machst.

Wenn es nur um das Erlebnis geht, warum sind Ausnahmeläufer wie du dann ständig auf der Jagd nach Rekorden?
Ganz einfach, weil sich das Erlebnis verändert, wenn ich schneller laufe. Die Erfahrung wird extremer, ich verlange mir mehr ab.

Reicht dafür nicht auch eine kürzere Distanz?
Wenn du wachsen willst, musst du dich Herausforderungen stellen. Die müssen nicht unbedingt extrem sein, aber sie sollten außerhalb deiner Komfortzone liegen. Wenn du ständig nur machst, was du schon immer gemacht hast, kommst du nicht voran. Das ist das Entscheidende. 100 Meilen sind nicht der Maßstab.

Was kennzeichnet solche Herausforderungen?
In extremen Situationen bist du im Moment, du kommst auf eine Art primitives Level. Das hört sich etwas komisch an, aber es ist so und genau deshalb eine großartige Erfahrung. Dein Ego und dein Verstand treten zurück und plötzlich bist du allein mit dem, was auch oft als Instinkt bezeichnet wird. In der modernen, kopfgesteuerten Gesellschaft geraten wir kaum noch in solche Situationen, in der körperlichen Herausforderung können wir sie finden.

Ist das Ankommen im Moment auch Voraussetzung für das Flow Erlebnis, von dem Läufer oft sprechen, gerade bei langen Distanzen?
Ich glaube schon, dass das eine Voraussetzung ist. Aber das bedeutet nicht, dass du automatisch in ein Flow Erlebnis kommst, wenn du im Moment bist. Du bekommst dieses Gefühl, ewig weiterlaufen zu können dann, wenn die Herausforderung zu deinen Fähigkeiten passt, wenn du zwar hart arbeiten musst, aber spürst, dass du es kannst, dass du bereit bist für diese Herausforderung. Dann gehst du auf in deiner Tätigkeit, wirst Eins mit dem Moment und deiner Umgebung. Dieses Verbundensein mit dem, was dich umgibt, das ist willst du wieder und wieder erleben. Du darfst aber nicht erwarten, dass es bei jedem Lauf kommt. Es kommt, wenn alles passt.

Du wirst oft gefragt, wie du deine Willenskraft trainierst? Machst du gezieltes Mentaltraining?
Nein, überhaupt nicht. Ich bin mittlerweile sogar davon überzeugt, dass Körper und Geist sich überhaupt nicht trennen lassen, dass diese beiden Begriffe eigentlich ein- und dasselbe beschreiben, und zwar unser System oder wie auch immer man es nennen mag. Diese beiden Aspekte bedingen sich ständig gegenseitig und sind untrennbar miteinander verknüpft. Du musst auf das Ganze gucken und darfst nicht nur einzelne Elemente analysieren. Ich trainiere das am besten, indem ich mich immer wieder neu herausfordere, ganz einfach.

Ist es aus deiner Sicht erstrebenswert, primitiver oder einfacher zu leben?
Das muss jeder erst einmal selbst für sich entscheiden. Für mich ist primitiv positiv besetzt. Andere mögen statt primitiv lieber Worte wie einfach, minimalistisch oder authentisch. Ich fühle mich am wohlsten, wenn mein Erleben nicht von gesellschaftlichen Aspekten gefiltert wird, wenn ich die komplett ausschalte. Das heißt nicht, dass ich für immer alleine in den Bergen sein möchte. Ein soziales Netz ist auch mir wichtig. Aber ich würde gerne noch näher an der Natur leben als ich es ohnehin schon tue. Wahrscheinlich kommt da auch die Prägung in meiner Kindheit durch. Ich bin ja fast in der Wildnis aufgewachsen.

Wärest du dann die „beste Version” von dir selbst, über die du mal in einem Interview gesprochen hast?
Dafür müsste ich noch mehr von Nutzen sein. Das ist tatsächlich etwas, worüber ich oft nachdenke. Als Athlet ist es leicht, sich auf sich selbst zu konzentrieren. Aber welchen Beitrag kann ich zur Gesellschaft leisten? Ich würde zum Beispiel gerne mein eigenes Essen anbauen und meinen Strom mit Solar- oder Windenergie erzeugen.

Du hast über das Erleben im Moment gesprochen. Ziehst du deine Motivation rein daraus oder setzt du dir auch konkrete Ziele?
Es ist eine Kombination aus beiden. Ich benutze die Zielstruktur um Bewegung zu initiieren, um mir selbst in den Hintern zu treten, wenn es draußen wirklich mal so richtig ungemütlich ist. Ich habe mir zum Beispiel gerade vorgenommen, in jedem Monat mindestens einen Gipfel zu erlaufen. Das treibt mich raus. Aber sobald ich dann beginne zu laufen, spätestens nach zehn Minuten, übernimmt diese intrinsische Moment-Motivation. Die Zielstruktur rückt dann komplett zurück und ich laufe nur noch, weil das Erlebnis so großartig ist.

Wo muss ich unbedingt hin, wenn ich in den USA mal durch die Berge rennen will?
Oh, es gibt so viele traumhafte Ecken. Ein absolutes Highlight zum Laufen ist der Grand Canyon, wenn es nicht zu heiß ist. Dann natürlich die Rocky Mountains und der Yosemite-Nationalpark. Aber auch bei mir hinterm Haus lohnt es sich, vorbeizugucken. Da liegen die Flatirons, eine imposante Felsformation der Green Mountains im Chautauqua Nationalpark.


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